Informationen on top helfen dementen Menschen im Gespräch

Sein Alt-Gedächtnis hat mein Onkel verloren. Was er mal gearbeitet hat oder wo das war, weiß er nicht mehr. Namen von Familienangehörigen sagen ihm selten etwas. Das ist umso trauriger, weil mein Onkel für mich der Familienhistoriker war. Er kannte die weitverzweigten Cousinen und Cousins, er wusste, wer mit wem konnte und wo es Knatsch gab. Heute sind noch mein Vater und ich für ihn als Familienangehörige dauerhaft präsent. Alles andere befindet sich irgendwo im Nebel. Mein Onkel weiß das auch. Er formuliert häufiger „das ist alles weg“. Wie lassen sich dennoch Gespräche führen, so dass mein Onkel sich dabei wohl fühlt?

Wenn ich meinem Onkel erzähle, „Ich war am Wochenende bei Rike.“ Was kann er damit wohl anfangen? Nichts. Also muss er nachfragen: „Wer ist Rike?“ Wie fühlt sich ein Mensch, der im Gespräch immer wieder Fragen stellen muss? Weil ihm Namen, Informationen und Zusammenhänge abhanden gekommen sind? Jeder von uns, so denke ich, würde sich unsicher und vor allem auch dumm vorkommen. Und vielleicht würden wir irgendwann auch aufhören zu fragen, weil wir dieses ungute Gefühl vermeiden wollen. Damit versinken wir bzw. die Dementen aber immer mehr im Schweigen und Alleinsein. Es geht also darum, Gespräche zu führen, in denen wir die stakkato Nachfrage-und-Antwort-Runden möglichst vermeiden.

Kommunikation mit dementen Menschen
Ein paar mehr Informationen ersparen dem dementen Onkel das Nachfragen.

Das hilfreiche Pfund Information im Gespräch mit Dementen

Bei meiner Unterhaltung mit meinem Onkel gebe ich immer ein Pfund Information hinzu. Ich sage also laut, denn mein Onkel ist schwerhörig: „Ich war am Wochenende bei Rike. Das ist meine ältere Schwester, die wohnt ja in Fulda.“ Mit dieser Zusatzinformation kann mein Onkel also schon einmal grob einordnen, wer Rike ist und ich erspare ihm eine Nachfrage. Fulda ist eine kleine Schlüsselinformation. Da mein Onkel dort früher öfters zu Besuch war, hat er manchmal eine klitzekleine und vage Erinnerung. Außerdem haben wir dann einen weiteren Anknüpfungspunkt im Gespräch. Er fragt dann gerne mal nach, was sie macht und wie es ihr geht. Oftmals ergänze ich auch im Gespräch: „Und meine jüngere Schwester ist ja Suse. Die wohnt in Berlin mit ihrem Sohn Marlon. Von Marlon hast du da hinten bei der Küche ein Bild von seiner Einschulung an der Wand.“ In der Regel kommt dann ein: „Ja, stimmt. Da habe ich das Foto von Marlon.“ Durch diesen kleinen Schlenker haben wir gleich noch ein wenig Erinnerungsarbeit gemacht, was die Fotos in seiner Wohnung angeht. Manchmal nehmen wir das zum Anlass, um über weitere Fotos in der Wohnung zu sprechen. Oder ich erzähle beispielsweise dass Marlon inzwischen schon 16 Jahre alt ist und zeige dann aktuelle  Familienfotos auf dem iphone.

Es zählt der Moment, Geduld und Achtsamkeit

Selbstverständlich gibt es im Gespräch viele Wiederholungsschleifen. Eigentlich ist es sogar eine Dauerschleife. Ich wiederhole mehrmals im Gespräch wie meine Schwestern heißen, wo sie wohnen und dass unser Vater sein Bruder ist. Bemerkungen wie „Das habe ich dir doch vorhin schon gesagt.“ helfen rein gar nichts. Denn für ihn sind die Informationen ja neu und er braucht Zeit, um sie zu verarbeiten. Letztendlich geht es auch gar nicht darum, dass er alles behält. Es geht auch nicht darum, zu bewerten, ob es gut oder schlecht ist, wenn mein Onkel etwas weiß oder nicht weiß. Es geht rein um den Moment. Wir verbringen Zeit miteinander, in der mein Onkel sich wohlfühlt. Entschleunigung und Achtsamkeit, die großen Trends unserer modernen Zeit, im Zusammensein mit dementen Menschen können wir genau das praktizieren. Denn wenn mein Onkel im Wartezimmer beim Arzt nachfragt, ob wir die Krankenkasse-Karte schon wieder zurück haben, die er vor fünf Minuten selber eingesteckt hat. Soll ich dann genervt sein? Warum? Er weiß es einfach nicht mehr und fühlt sich unsicher. Es geht darum zu akzeptieren, dass er tüdelig ist. Wir schauen dann halt im Portemonnaie nach und versichern uns, dass die Karte am richtigen Platz steckt. Gleichzeitig ist das Nachschauen für meinen Onkel eine motorische Fingerübung. Ich selber schaue zu und entschleunige ein bisschen vom schnelllebigen Alltag.

 

Das Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend bietet auf seiner Webseite Wegweiser Demenz viele Informationen und Hilfsangebote. Darunter gibt es auch Tipps für Angehörige wie beispielsweise „Richtig kommunizieren“.

PS: Vielen Dank an meine Schwestern und meinen Neffen, dass ich sie hier namentlich nennen durfte. Durch die konkreten Beispiele wird der Blogartikel sicherlich verständlicher.

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Kommentare: 1
  • #1

    Markus Proske (Sonntag, 26 November 2017 14:02)

    Hallo

    Dieser Bericht über die Kommunikation mit Menschen mit Demenz ist top.
    Interessant geschrieben, informativ und stimmig. Ich würde das so unterschreiben.

    liebe Grüße

    Markus Proske